Biomechanische Wirkprinzipien
Wirkprinzipien der Orthetik — Fixation, Korrektur, Kompensation, Extension
Wirkprinzipien · auch: biomechanische Wirkprinzipien · Orthese Funktionsprinzipien · FKKE-Prinzip
Direct Answer
Die vier biomechanischen Wirkprinzipien der Orthetik beschreiben, wie eine Orthese auf den Körper einwirkt:
- Fixation — führen, blockieren, am Ort halten
- Korrektur — aufrichten, verbessern, überkorrigieren, Wachstum lenken
- Kompensation — dreidimensionaler Volumen- und Längenausgleich
- Extension — Entlastung unter Zug, ggf. mit Kraftanwendung
Diese vier Prinzipien sind kombinierbar — eine einzige Orthese kann mehrere davon gleichzeitig leisten.
Die vier Prinzipien im Detail
1. Fixation
Die Orthese **hält** ein Gelenk oder Körpersegment in einer definierten Position. Bewegung wird vollständig oder partiell blockiert.| Anwendung | Beispiel | |
|---|---|---|
| Vollständige Fixation | Nachtschiene zur Spitzfuß-Vorbeugung | |
| Partielle Fixation | Flexionsanschlag in HKAFO bei spastischer Diplegie | |
| Stabilisierung in Belastung | KO bei Kreuzbandverletzung |
2. Korrektur
Die Orthese **bewegt** ein Körperteil aktiv in eine bessere Position oder **verhindert das Fortschreiten** einer Fehlstellung. Bei Wachstum ist auch eine **Wachstumslenkung** möglich (z. B. bei Klumpfuß-Behandlung).| Anwendung | Beispiel | |
|---|---|---|
| Redression Spitzfuß | Dynamische AFO mit Federrückstellung | |
| Skoliose-Korrektur | Cheneau-Orthese (Wirbelsäule) | |
| Wachstumslenkung | Klumpfuß-Schiene nach Ponseti |
3. Kompensation
Die Orthese **gleicht aus**, was anatomisch fehlt oder zu kurz ist.| Anwendung | Beispiel | |
|---|---|---|
| Längenausgleich Bein | Sohlenerhöhung bei Beinverkürzung | |
| Volumenausgleich | Polster bei Atrophie nach langer Ruhigstellung | |
| Funktionsersatz | Federzug bei Fußheberschwäche (dynamische AFO) |
4. Extension
Die Orthese **entlastet** ein Körperteil durch Zug oder Abstützung — typischerweise zur Schmerzreduktion oder Heilungs-Unterstützung.| Anwendung | Beispiel | |
|---|---|---|
| Vertikale Entlastung | Tuberaufsitz-Orthese mit Sohlenentlastung | |
| Axialer Zug | Halo-Fixateur (Halswirbelsäule) | |
| Kraftanwendung | Knee-Brace mit unloader-Mechanismus |
Kombination der Prinzipien
Die meisten realen Versorgungen kombinieren mehrere Prinzipien:
Eine dynamische AFO bei Fußheberschwäche wirkt:
- kompensierend (Federzug ersetzt fehlende Muskelaktivität),
- fixierend (Pronation/Supination wird kontrolliert),
- in Phasen auch korrigierend (verhindert Spitzfuß-Kontraktur).
Bezug zur Klassifikation
Die Klassifikation (FO/AFO/KO/...) sagt, welche Gelenke umfasst sind. Die Wirkprinzipien sagen, wie die Orthese wirkt. Beides zusammen beschreibt eine Versorgung vollständig.
Hinweis zur Begrifflichkeit „Redression"
Der Begriff Redression wird häufig synonym mit Korrektur verwendet, ist aber spezifischer: Redression bezeichnet die gezielte mechanische Korrektur einer manifesten Fehlstellung — meist mit definierter Kraft über definierte Zeit. Die ärztliche Verordnung von „Redression" und die technikerseitige Auslegung können auseinanderlaufen — Absprache zur Versorgung wird empfohlen, bevor die Orthese gefertigt wird.
→ Verwandt: Klassifikation Orthesen unt. Extremität · ISO 8551:2003 · BUFA-Standard.
Quellen
- Norm
- LehrbuchHütt R. — Orthetik der unteren Extremitäten Standardlehrbuch für Orthesenkonstruktion und biomechanische Wirkprinzipien.
- BildungBundesfachschule für Orthopädie-Technik Dortmund (BUFA)Zentrale Fachschule für die OT-Meisterausbildung in Deutschland — definiert den „BUFA-Standard" als anerkannten Branchen-Konsens.